Warum S/4HANA- und AVC-Migrationen scheitern
von Florian Roßner, Geschäftsführer, TeamR GmbH
Das Muster ist immer dasselbe
Ein Unternehmen entscheidet sich für S/4HANA – und damit auch für die Migration auf den Advanced Variant Configurator (AVC). Ein externer Partner wird beauftragt. Es gibt Workshops, ein Pflichtenheft, einen Projektplan. Nach sechs Monaten stellt jemand fest: So funktioniert das nicht. Das Projekt wird pausiert, neu aufgesetzt, oft ein zweites Mal gestartet – und scheitert erneut.
Wir sehen dieses Muster regelmäßig. Nicht weil die Teams schlecht wären. Sondern weil die Transformation auf einem falschen Fundament startet.
Problem 1: Neue Technologie als Heilmittel für alte Konzepte
Der häufigste Fehler: Man hofft, dass der neue Technologiestack Probleme löst, die gar nicht technischer Natur sind. Wackelige Konzepte, brüchige Prozesse, nicht tragfähige Architekturen – all das soll durch S/4HANA irgendwie stabiler werden. Wird es aber nicht. Neue Technologie auf altem Fundament ergibt kein stabiles Haus.
Dabei bietet eine S/4HANA-Implementierung riesige Chancen – aber nicht, weil ein neuer Stack kommt. Sondern weil sie den Anlass schafft, schlechte Prozesse auf fundamental saubere Beine zu stellen. Der daraus resultierende Mehrwert lässt sich mit der neuen Technologie sogar noch vervielfältigen. Aber nur in dieser Reihenfolge: erst das Fundament, dann die Technologie.
Problem 2: Altlasten, die sich jetzt rächen
Sünden, die im Aufbau von Konfigurationsmodellen und Architekturen über Jahre gemacht wurden – und durch hemdsärmelige Workarounds am Leben erhalten – holen Unternehmen spätestens bei einer Systemtransformation ein. Eine S/4HANA-Migration bringt zusätzliche Komplexität mit sich, und plötzlich reichen die alten Pflaster nicht mehr.
Der Reflex ist: noch einen Wrapper bauen, noch eine Zwischenschicht einziehen, noch einen Workaround implementieren. Aber das verschiebt das Problem nur – und macht es teurer. Die Alternative: die Transformation als Chance begreifen, eine Architektur aufzubauen, die für Jahrzehnte solide und tragfähig ist.
Wenn Sie wissen wollen, wie hoch ein Haus gebaut wird, schauen Sie, wie tief das Fundament gegraben ist.
Problem 3: Mangelnde Abstimmung über die Prozesskette hinweg
Der Fehler liegt selten in einem isolierten Prozessschritt oder einem einzelnen Modul. Er liegt im Zusammenspiel. Das Faszinierende an SAP ist: Auch ohne eine sauber aufeinander abgestimmte Prozesskette funktioniert das System – irgendwie. Aber der wahre Mehrwert ergibt sich erst, wenn die Module sauber aufeinander abgestimmt sind und die Unternehmensstrategie widerspiegeln.
Der Einsatz von Variantenkonfiguration ist in diesem Zusammenhang ein Hebel, der den Vorteil einer durchdachten Prozesskette noch weiter hebt – oder, bei fehlender Abstimmung, den Brand noch beschleunigt.
Was stattdessen funktioniert
Erfolgreiche S/4HANA-Transformationen beginnen nicht mit einem technischen Migrationstool. Sie beginnen mit drei Fragen:
- Trägt das Fundament? Sind die bestehenden Konzepte und Architekturen tragfähig – oder müssen sie vor der Migration grundlegend neu gedacht werden?
- Wie sieht die Zielarchitektur aus? Nicht als Kopie des Alten, sondern als Entwurf für die nächsten zehn Jahre – mit sauberen Prozessen, klaren Modulschnittstellen und einer Konfigurationslogik, die zur Unternehmensstrategie passt.
- Stimmt das Zusammenspiel? Nicht nur innerhalb der Konfiguration, sondern über die gesamte Prozesskette: Vertrieb, Fertigung, Qualität, Planung.
Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, beginnt die eigentliche Transformation – auf einem Fundament, das trägt.

